Die Kernkraft endlich zu Grabe tragen

Geschrieben von Axel Pospischil am 15. März 2011. Zugeordnete Stichwörter: , .

Lange habe ich überlegt, ob ich in diesen Tagen einen Artikel zum Thema Kernkraft veröffentlichen soll. Das hier beigelegte Dokument zum Thema Kernkraftwerke mag dem einen oder anderen vielleicht hilfreich sein, vielleicht auch nicht. Ich mag es nicht zu beurteilen. Doch warum sollte ich mein zusammengetragenes Wissen für mich behalten? Beginnen möchte ich mit einem Zitat:

Im Erschrecken vor den künftigen Gefahren, die den Menschen bedrohen, gewinnen wir erst ein wirkliches Verständnis unserer Selbst und dessen, was es zu schützen gilt.

Hans Jonas

Zunächst sei gesagt, dass ich tiefstes Mitgefühl mit den Menschen in Japan empfinde. 

Wer an dieser Stelle ein politisches Statement erwartet, den muss ich enttäuschen. Es ist lediglich ein kleiner Triangelklang in dem grossen Konzert dessen, was zum Thema gesagt wird. Jedwede Polemik, wie sie leider zeitweise in den Medien und der politischen Diskussion stattfindet, verbietet sich angesichts der Ernsthaftigkeit und Komplexität des Themas.

Ich bin kein Kernkraftexperte und habe auch keine besondere Ausbildung - ausser einem Physik Leistungskurs. Jedoch habe ich mich in den ganzen Jahren seit dem Abitur immer wieder intensiv mit dem Thema Kernkraft beschäftigt, bin während meines Abiturs einmal tiefer in die Materie eingestiegen und habe persönlich durch familiäre Beziehungen mit dem Thema Kernkraft bzw. Kraftwerkstechnik zu tun. Selbst war ich einmal in Biblis B während eines Ferienjobs im Kontrollbereich tätig.

Diese Erfahrungen und natürlich auch die Ereignisse um Tchernobyl mündeten 1988 in einer Facharbeit, in der es um inhärent sichere Kernkraftanlagen ging (insbesondere den THTR). Wer sich dieses Dokument eines Abiturienten antun will, findet es am Ende des Textes. Es gibt sicher besser aufbereitete Literatur im Netz bei den einschlägig bekannten Seiten (eine Liste befindet sich am Anfang der Arbeit).

Jedoch: ich habe damals schon als "Laie" erkannt:

  1. Kernkraft ist langfristig nicht verantwortbar
  2. Kernkraftwerke könnten bei entsprechender technischer Auslegung inhärent sicher gebaut werden. Dies geschah / geschieht aber aus patentrechtlichen, wegen lobbyistisch gefärbter Beratung unserer Politiker und wegen mangelndem Verantwortungsbewusstsein der Industrie nicht.
  3. Kernkraft bleibt per se gefährlich auf Grund der Freisetzung radioaktiver Zerfallsprodukte, die langfristig von der Biosphäre sicher abgeschirmt werden müssen.
  4. Man setzt /setzte in gefährlicher Weise auf gigantomanische Großprojekte mit einer Technik, die von vorne herein im Störfalle und bei der Verkettung unglücklicher Umstände nicht mehr beherrschbar ist.

Diese Schlussfolgerungen waren schon damals nichts Neues und längst erwiesene Tatsache. Und wenn sich am heutigen Nachmittag hochrangige Politiker hinstellen und auf einmal so tun, als hätten sie die ganzen Jahre nicht gewusst, auf welche Technik wir uns da im Einzelnen eingelassen haben, dann kann ich angesichts meines eigenenen bescheidenen 20 Jahre alten Abiturwissens (unsere Bundeskanzlerin ist übrigens Physikerin) nur leise lächeln. Das bei allem Respekt zum Inhalt und der grundsätzlichen Richtigkeit der gemachten Aussagen.

Der in der Facharbeit beschriebene Hochtemperaturreaktor (in seiner Auslegung mit maximal 150 MWt als "HTR-Modul", nicht das Hamm-Uentrop Experiment !!!) ist der mir bekannte einzige Reaktortyp, der - wirtschaftlich sinnvoll - wirklich sicher und fehlertollerant betrieben werden könnte. Er kam jedoch nie zum Einsatz.

Unterdessen baute man die Technikruine in Hamm-Uentrop, die schon von vorneherein zum Scheitern verurteilt war und "entwickelte" die bereits Jahre zuvor entstandenen Reaktorkonstruktionen weiter mit - rein physikalisch gesehen - unverantwortlich hohen Mengen an spaltbarem Material und störanfälliger Technik munter weiter.

Aber auch der THTR hatte mit technischen Problemen zu kämpfen und auf Grund der hohen Betriebstemperaturen war sein Einsatzgebiet auf spezielle Bereiche beschränkt und die Materialfrage kritisch! Es sei auch nicht verschwiegen: bei allen pysikalisch positiven Eigenschaften dieses Typs gab es massive Probleme mit der Freisetzung von Spaltprodukten in Form von kontaminiertem Graphitstaub.

Jederzeit hatten wir die Chance zu erkennen, dass die Kernkraft eine ernste Gefahr für zukünftige und gegenwärtige Generationen darstellt.

Um eines klarzustellen: Ich halte auf Grund des Endlagerungsproblems, der Schwierigkeiten der Wiederaufarbeitung und Anreicherung, sowie des Transports von abgebrannten Elementen und der potentiellen Spaltstofffreisetzung in die Umwelt Kernkraft grundsätzlich nicht für verantwortbar! Sie war es nie. Sie war auch nie eine Brückentechnologie (und wird es nie sein), sie hilft weder das Klima zu retten (und das kann jeder Hobby-Metereologe ausrechnen), noch liefert sie "billigen" Strom. Sie war von Anfang an eine Sackgasse.

Doch so sind wir Menschen: wir machen Fehler. Haben wir doch endlich den Mut, aus unseren Fehlern zu lernen.

Zum Thema Sicherheit schrieb ich damals im Abspann der sonst eher nüchternen und trockenen Arbeit (Kapitel 2, Abschnitt 4):

[...]

Nach den Ausführungen erübrigt sich ein Vergleich im Hinblick auf absolute Betriebssicherheiten von HTR-Anlagen kleineren Maßstabs mit denen üblicher Reaktorkonzeptionen (DWR, SWR, SBR) . Die hohen Leistungsdichten im DWR, SWR oder  SBR-Konzept können einen Kernschmelzunfall bei Kühlmittelverlust nicht mehr verhindern. Man ist deshalb gezwungen, sich bei der Konstruktion solcher Anlagen, allein auf Minderung der Folgen der Unfallauswirkungen eines Kernschmelze zu konzentrieren. Diese müssen so ausgelegt sein, dass die Folgen eines GaU in jedem Fall so eingeschränkt werden, dass eine Freisetzung gefährlicher Mengen radioaktiven Materials in die Umwelt unter allen Umständen vermieden wird.
Dies gilt für den Bau und Betrieb von kerntechnischen Anlagen in der Bundesrepublik Deutschland. Neben den USA sind es die strengsten Sicherheitsvorschriften, die ein Land bei Bau und Betrieb solcher Anlagen verlangt. Jedoch kann die grundsätzliche Konzeption eines LWR oder SBR nicht so ausgeführt werden (in wirtschaftlich sinnvollem Rahmen), dass ein Kernschelzunfall unmöglich wird.
Die Kosten für die Sicherheitseinrichtungen eines modernen LWR machen in etwa die Hälfte der gesamten Baukosten aus.

[...]

Zur Erklärung:

  • Leichtwasserreaktor
    • DWR: Druckwasserreaktor
    • SWR: Siedewasserreaktor
  • SBR: Schneller Brutreaktor
  • HTR: Hochtemperaturreaktor

Ich möchte uns alle ermutigen, langfristig zu denken. Unseren Kindern und Kindeskindern soll eine Zukunft ermöglicht werden, die nicht zu einer unmöglichen Aufgabe wird. Die schwere Bürde, die unsere Generation bereits jetzt der Kommenden mit dem atomaren Restrisiko in Form von Abfall und alten Anlagen auferlegt hat, ist schon fast nicht zu bewältigen.

Fokushima ist - wieder - eine Lektion zur Demut.

Ein Grund, wieder mal Hans Jonas zu lesen "Technik, Medizin und Ethik - Praxis des Prinzips Verantwortung" (1979), auch wenn es hier mehr um biomedizinische Themen geht. Das "Prinzip" ist aber das selbe, oder wie Thomas Bernhard in seiner Rezension Jonas zusammenfasst:

[...]

Durch die ungeheure Potenzierung menschlich-technischen Vermögens, insbesondere durch Atom- und Biotechnik, gelten nach Hans Jonas im technologischen Zeitalter vor allem drei Voraussetzungen aller bisheriger Ethik nicht mehr:

1) die menschliche Natur ist nicht mehr eindeutig und unverrückbar,

2) das Gute ist nicht mehr eindeutig bestimmbar und

3) die Reichweite menschlicher Verantwortung ist unendlich ausgeweitet.

Deshalb bedarf es einer neuen Ethik; denn Jonas These lautet: Die Verheißung der modernen Technik ist in Drohung umgeschlagen und diese hat sich mit jener unlösbar verbunden. Eine solche Ethik begründet die Forderung, so zu handeln, dass die Wirkungen unserer Handlungen verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden. Jonas plädiert für eine »Heuristik der Furcht«.

Im Erschrecken vor den künftigen Gefahren, die den Menschen bedrohen, gewinnen wir erst ein wirkliches Verständnis unserer Selbst und dessen, was es zu schützen gilt.

[...]

Ein gutes Schlusswort eines grossen Vordenkers.

 

Links

Post Scriptum (zum angehängten Dokument):

  • Update 16.03.2011: Aus aktuellem Anlass Überarbeitung der Links. Ferner wurden einige kleinere Formatierungsprobleme korrigiert.
  • Update: 21.01.2014: Der T-Online Link ist nicht mehr aktuell. Die Google Suche ist mittlerweile eine bessere Alternative.
  • UPdate: 29.01.1014: Links zu einer Diskussionsrunde des MIT Center for International Studies (engl.)
AnhangGröße
Facharbeit in Physik 1988: Theorie der Kernreaktoren - Insbesondere: der Thorium Hochtemperaturreaktor9.61 MB